Stadttheater Giessen
    Heinrich Kleist in die Moderne versetzt

    Heinrich Kleist in die Moderne versetzt

    Beklemmendes Kammerspiel über Dreiecksverhältnis

    Mit kräftigem Applaus belohnten die 100 Zuschauer im Theater im Löbershof die Premiere des Theaterstücks „Wenn ihr euch totschlagt ist es ein Versehen“ von Oliver Bukowski. Christian Fries inszenierte das Kammerspiel, das als Auftragsarbeit für die Ruhrfestspiele zum 200. Todesjahr von Heinrich von Kleist entstanden ist. Fries ließ das Stück im Spannungsbereich zwischen Komödie und Tragödie changieren.
    Bernd Getskard (Milan Peŝl) ist ein verkanntes Genie mit allem, was das Klischee dazu hergibt. Der Dichter ist eitel, selbstgerecht, egomanisch und ignorant, unsicher, ängstlich sensibel und lebensuntüchtig. Ohne seine Freundin Claudi (Irina Ries) und seinen Freund und Förderer Wiepert (Rainer Hustedt) wäre Getskard aufgeschmissen. Wie es sich für ein Genie gehört, dankt er es den beiden nicht, sondern provoziert sie ständig.
    Regisseur Fries stellt gleich zu Beginn klar, dass Getskard manisch-depressiv ist, wie es viele Quellen über Heinrich von Kleist auch bei diesem vermuten lassen. Bukowski hat Kleist als Getskard in das heutige Berlin versetzt und lässt ihn lustvoll im Kulturbetrieb der Hauptstadt untergehen. Dazu hat Marion Eiselé ein Bühnenbild geschaffen, bei dem bewusst die Grenze zwischen normaler Bühnentechnik endet und gestaltetem Bühnenbild verwischt ist.
    Fries lässt seine Akteure beklemmend realistisch leiden und es bleibt offen, ob Wiepert an Getskard oder an Claudi in unglücklicher Liebe gekettet ist. Wie das Vorbild Kleist scheitert der Künstler mit der Uraufführung seines Werks. Die Anlehnung an Kleist, dessen Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ durchfiel, obwohl es kein Geringerer als Goethe inszeniert hatte, macht deutlich, dass Getskards Stück an der Ignoranz der Kritiker scheitert.
    In einer Schlüsselszene rechnet Bukowski mit dem Theaterbetrieb und dem Feuilleton ab. Die Einfälle der Regie werden von Getskard ebenso verurteilt, wie die gnadenlosen Verrisse, die dem Künstler den Glauben an sich rauben. Mit Getskard scheitern auch Wiepert und Claudi, die unverdrossen an den Künstler glaubten. Getskard Rückzug in ein einfaches Leben auf dem Land führt zum dreifachen Freitod, den die drei Darsteller in beklemmender Konsequenz gemeinsam suchen.
    Fries und seinem Ensemble gelingt es, dem Stück seine Dialoglastigkeit zu nehmen und dem Publikum die beklemmende Welt eines manisch-depressiven Künstlers zu öffnen. Nach anfänglichen Irritationen, man betritt das Theater durch den Hintereingang und findet sich in der ersten Szene auf der Bühne wieder, lernen die Zuschauer die Welt der Künstler kennen, für die ein Verriss oder ein Lachen eine existenzielle Bedrohung darstellt. Klaus-J. Frahm 18.04.2011, Gießener Anzeiger